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Andreas Pazatka
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Ganztagsschule in Hessen und die Folgen für Sportvereine
Am 11.03.2009 fand unter der Leitung von Herrn Imhof (Schulamt) und Herrn Wenig (Sportkreis18, lsbH) eine Informations-Veranstaltung im Stadtschloss statt, in deren Verlauf die Kooperationsmöglichkeiten Schule - Verein im Rahmen des zukünftigen Ganztagsschulangebotes in Hessen vorgestellt werden sollten. Der Marmorsaal war gut gefüllt - schätzungsweise 2/3 Lehrer (natürlich gab es für den knapp zweistündigen "Frontalunterricht" Punkte) und 1/3 Vereinsvertreter - von ca. 300 anwesenden Personen. Kernpunkt war die Präsentation bestehender Kooperationen als Beispiel für die Zukunft. In der Einführungsrede betonten die Vertreter des Kultusministeriums Hessen und der Schulamtsleiter die Notwendigkeit für eine Zusammenarbeit Schule - Verein im Rahmen der Ganztagsschule. Es wurde rückblickend darauf hingewiesen, dass die Absicht, eine Ganztagsschule einzuführen, bereits seit 2004 bestehe. Bereits damals wurden auch die Vereine seitens des Stadtverbandes für Leibesübungen auf die bevorstehende Entwicklung aufmerksam gemacht. Jetzt steht die Einführung der Ganztagsschule unmittelbar bevor und die Vereine müssen reagieren. Beispielhaft wurden einige bestehende Kooperationsmodelle vorgestellt. In Gersfeld gebe es eine funktionierende Zusammenarbeit, die sich auf die Vorbereitung junger Talente für den Skisport fokussiert habe. Die Vorbereitungsarbeit übernimmt die Schule, die Spezialisierung leistet der Skiverein. Die Betreuung der Schüler in der Bardoschule Fulda konzentriert sich ebenfalls auf die Leistungsförderung geeigneter Schüler. Einer der Betreuer lebt eigentlich nur von seiner Frau, die zufälligerweise Lehrerin ist, denn die Entgelte für seine Trainertätigkeit (obwohl an drei Schulen tätig) können keinen Lebensunterhalt begründen. Sehr zum Unwohlsein aller Anwesenden kam zur Sprache, dass man die Schüler für die Dauer der Betreuung als beitragsfreie Mitglieder im Verein führe. Auf die Frage, wie die versicherungsrechtliche Situation aussehe, wurde die Möglichkeit genannt, die Anmeldungen bei den Sportverbänden "nachzureichen". Dass Herr Wenig (lsbH/Sportkreis 18) hier nicht sofort einschritt, zeigt, wie wenig durchdacht die ganze Sachlage ist. Auch die Rabanus-Maurus-Schule präsentierte sich als Vorreiter für sportliche Aktivitäten. Sie arbeitet mit den Wasserfreunden Fulda und dem Tanzsportclub zusammen. Außerdem steht die Einführung einer Sportklasse bevor. (...) Doch welche Beispiel man auch immer zum Vergleich heranzieht - überall hängt die Existenz einer guten Zusammenarbeit vom Einsatzwillen der Sportlehrer und von der personellen Verzahnung, besser Verflechtung, zwischen Schule und Verein ab. Genauer gesagt: Ist ein Lehrer auch im Verein tätig, steht in der Regel einer guten Zusammenarbeit nichts im Wege. Ein Beispiel bietet hier die (leider längst vergangene) Aera Hans Schwarz in der Fuldaer Turnerschaft, der gleichzeitig als Lehrer der Konrad-Adenauer-Schule und als Übungsleiter in der FT-Turnabteilung den maximal möglichen Erfolg für sich und seine Turnerinnen erarbeitete. Integraler Bestandteil der Kooperationsbestrebungen soll die Betreuung nachmittäglicher Sportangebote durch ausgebildete Übungsleiter und Trainer aus den Sportvereinen sein. Aufgrund der ungenügenden Ausstattung der Schulen mit Finanzmitteln soll allerdings die Bezahlung der Kräfte nur zur Hälfte durch die Schulen erfolgen. Die andere Hälfte der Trainerentgelte soll von den Vereinen getragen werden. Dafür hätten die Vereine ja auch weitreichende Möglichkeiten, die Leistungen Ihrer Mitglieder bereits im Rahmen der Schulzeit zu fördern und weitere Mitglieder zu gewinnen. Versucht man, sich die zukünftige Entwicklung vorzustellen und als Vereinsmensch die möglichen Chancen zu erkennen, stellen sich jedoch eine Menge Fragen. Bereits im Vorfeld entstehen mehr Probleme, als durch die Kooperationsbestrebungen gelöst werden können. Als Fazit darf daher die Befürchtung geäußert werden, dass die Sportvereine hier radikal in ihren Möglichkeiten, in ihrer Funktion und Zukunftsfähigkeit beschnitten werden. Das ist bedauerlich, sind doch die Sportvereine ein wichtiger Teil der Vereinskultur in Deutschland. Außerdem sind sie dem Wohlergehen und der Gesundheit der Menschen verpflichtet, was man nicht von jedem Verein behaupten kann. Was bleibt festzustellen? Es engagieren sich nur wenige Lehrer im Sportbetrieb der Vereine. Möglicherweise wollen Lehrer nicht auch noch in ihrer Freizeit mit Schülern zu tun haben - genauso, wie dieses Argument um Verständnis bettelt, zeigt es die Wertschätzung der Pädagogen für eine der wichtigsten Ausgleichsoptionen zu anspruchsvoller Lernarbeit. Auf jeden Fall kann die Zusammenarbeit nur funktionieren, wenn mehr Lehrer über Ihren Schweinehund springen. Es gibt eine BMBF/ESF-geförderte Studie (StuBBS "Bewegt den ganzen Tag" von A. Becker, M. Michel und R. Laging) mit Buch und Film und allem Schnickschnack, die neu beweist, was z.B. Waldorfschulen schon lange begriffen haben: Im Unterricht zwischendurch aufzustehen, in der Pause Ball zu spielen, den Unterricht pädagogisch sinnvoll zu rhythmisieren und beim nachmittäglichen Hausaufgaben-Machen auch mal zwischendurch ein bisschen Herumzuturnen ... nützt beim Lernen. Die Publikationen der Schulträger weisen allerdings explizit darauf hin, dass die Gestaltungshoheit für den Nachmittagssport in der Schule bei den Schulorganen liegen soll. Dies degradiert ausgebildete Übungsleiter und Fachtrainer zu Handlangern eines kritikwürdigen Schulsystems. Übrigens erschwert diese Vorgabe die vorgesehene Anstellung der Übungsleiter als eigenverantwortliche Honorartrainer. Eine denkbare Entwicklung könnte hier sein, dass die Schulen zwar irgendwann die Übungsleiter allein bezahlen müssen, dies allerdings zu einem Entgelt, welches einen Lebensunterhalt ermöglicht. Schließlich müssen die Kräfte ja zu einer Zeit bereitstehen, die normalerweise dem Broterwerb gewidmet ist. Den Vereinen soll das Engagement in den Schulen dadurch schmackhaft gemacht werden, dass man Zugriff auf eine erhebliche Zahl potentieller Interessenten habe. Außerdem könne man hier bereits Talente finden und zielgerichtet fördern, um sie dann später im Verein leistungsbezogen weiterzuentwickeln. Und wie geht das, wenn ich in einer Klasse Mitglieder von unterschiedlichen Vereinen betreue und die anderen überhaupt kein Interesse haben? Ganz abgesehen davon, dass sich möglicherweise die Mehrzahl der Leute aus den Vereinen abmelden wird, wenn sie am Nachmittag bereits Sport gemacht haben. Die wenigen potentiellen Leistungssportler haben doch mit höchster Wahrscheinlichkeit längst ihren Verein gefunden. Soll hier eine zusätzliche Konkurrenzsituation zwischen den Vereinen entstehen? Fragen über Fragen. Das rückläufige Interesse der Jugendlichen am Vereinssport ist jedenfalls auch in Abteilungen, die keinem Konkurrenzdruck ausgesetzt sind, längst bittere Wahrheit. Speziell die Mannschaftssportarten sind erheblich betroffen. Die Vereine haben nicht die Absicht, sich sagen zu lassen, wie sie ihre Vereinsziele erreichen und befördern wollen. Daher steht in Frage, ob die Vereine sich überhaupt in die Kooperationsbestrebungen einbinden lassen wollen. Es ist unschwer abzusehen, dass die Vereine, die ihre Übungsleiter an die Schulen weggeben, die Verlierer sein werden. Aber auch die anderen Vereine leiden. Die Schulen benötigen mehr Hallenzeiten, die den Vereinen dann nicht mehr für deren reguläre Arbeit zur Verfügung stehen. Dies wird einen Mitgliederverlust in den entsprechenden Gruppen nach sich ziehen. Hiervon sind insbesondere die Jüngsten betroffen (Eltern-Kind-Turnen, Kindergartenkinder). Damit vergrößert sich für die Schulen die Verantwortung, für eine gute körperliche Ausbildung der Schüler zu sorgen - das können sie aber doch heute schon kaum noch.Was also gewinnen wir? Die Situation stellt sich insgesamt äußerst nachteilbehaftet dar. Dies sind die Probleme in einem groben Raster. Ob Lösungen gefunden werden, hängt ganz stark von der Kooperationsbereitschaft der Schulen ab - und von der merkt man heutzutage immer weniger. Wir als Verein würden es bedauern, wenn wir unsere jüngsten Mitglieder verlieren. Sie müssen dann zukünftig ganztags in die Kindergärten. Hoffentlich wird dort ausreichend herumgeturnt. Hinführung zu sportlichen Aktivitäten kann man das sicher nicht nennen - zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht. Ganz klar ist, dass Vereine ausgespielt haben als unerhört preiswerte Anbieter von Volksgesundheit durch Prävention. Sie können sich auf rehabilitative Maßnahmen und Seniorenbetreuung spezialisieren - auch dort liegt ein großes Potential, auch dort sind die Sportvereine seit langem mit Erfolg tätig. Da das Gesundheitswesen einer der größten Arbeitgeber in Deutschland ist (noch vor der Autoindustrie!), würde es mich nicht wundern, wenn mancher mit der hier geschilderten Entwicklung auch wieder recht zufrieden ist. Andreas Pazatka |  |  | 
Zu diesem Thema weitere Infos der Hess. Sportjugend ... |  |